Mittwoch, 22. Februar 2012

The Toy Box (Sexualrausch - 1971)


Die Grindhouse Collection füllt sich. Nachdem bei "Beast Of Blood" (Drakapa, das Monster mit der Krallenhand - 1970) der Halbzeitstand von 1:0 für den Zuschauer gezählt werden konnte, befinden wir uns mittlerweile in der zweiten Hälfte der Box und auf uns wartet ein Heuler sondergleichen. "The Toy Box" (1971) ist definitiv nichts für schwache Nerven, Großbrustklaustrophobiker oder Menschen mit Geschmack. Die unterste Schundschublade wurde aufgezogen und sie lässt sich nicht mehr schließen. Der Mock aus trippigen Bildern, Schmuddelkram und dem großen Onkel weht einem entgegen.
Der Streifen ist irgendwo zwischen Thriller, Sexfilm, psychodelischem Drogenexperiment und Gothichorror zu verorten. Außerdem bringt es "The Toy Box" auf zwei besonders schlagende Argumente: Uschi Digard - die Sleazekönigin!
Die schwedische Erotikdarstellerin wird in dieser Edition auch direkt mit Extras in Form von enthaltenen Loops und einer Postergalerie gekrönt. Für eines ist also definitiv gesorgt: Sleaze und zwar in Strömen.
Wie bei jeder Grindhouse-DVD haben wir die Option, waschechtes Bahnhofskinofeeling im Wohnzimmer zu erleben. Im Trailerreel sind dieses Mal ein schlüpfriger Schmuddelstreifen, ein Djangowestern, ein Abenteuerfilm mit exotischen Frauen und einiges mehr. Unappetitlich Frittiertes versucht uns das letzte Essen zu entlocken und ein Mann mit Handschuhen, der wenig von Gendern hält, huscht durchs furniermöblierte Retrozimmer. 
Die Dame
Sobald der "Abspielknopf" betätigt wurde, erleben wir einen bizarren Vorspann und schon entspinnt sich ein desorientiertes Sozialdrama.
Die Handlung:
Ein Pärchen befindet sich auf einem Anwesen. Das Anwesen des Onkels! Und dieser Onkel ist ein ausgesprochen sonderbarer Zeitgenosse. Denkt der Zuschauer zu Beginn noch, dass hier ein Typ eine Schnapsdrossel zur Frau hat, die ihn mit ihrer Selbsterniedrigung nervt, wird schnell klar: Das hat System! Denn, wie die anderen Hippies in den kissengepflasterten Räumlichkeiten, sind sie nur vom Onkel engagierte Performer, die für ihn Schweinereien darbieten. Und damit ist im Grunde genommen schon die komplette Story verraten.
Aber wer ist der mysteriöse Onkel? Ein weißbärtiger, alter Sack mit zugekleisterten Augen, der über Lautsprecher und Blinklichter mit seinem eingeladenen Hippievolk kommuniziert und sie nach getaner Arbeit mit Kohle aus der Spielbox entlohnt. Ob er noch lebt oder was der ganze Zirkus soll, man weiß es nicht.
Der Onkel
Die Handlungsorte erstrecken sich von den erwähnten Räumen im gotischen Anwesen, auf eine rot ausgeleuchtete Treppe und das Zimmer des Onkels, das hektoliterweise mit Nebel geschwängert wurde. Ach, und die eine oder andere Außenszene. Das kommt allerdings eher selten vor. Wie es sich für einen Exploitationfilm gehört, also mit einem Etat, der dem Wort Budget spottet, weniger begabten Schauspielern und schlichten Kulissen. Irgendwann nach der dritten oder vierten Sexszene fängt es schließlich an, verrückt zu werden, Köpfe erscheinen auf Tischen oder fallen von der Decke und Leute verschwinden oder bringen sich gegenseitig um! Unser Protagonistenpärchen blickt als erstes die Lage, aber die druffen Hippies wollen natürlich nicht hören und pimpern fröhlich weiter. Sie sind alle verdammt!
Oh weija und wenn man sich dann noch die ebenfalls auf der Scheibe enthaltene US-Version von "The Toy Box" reinzieht, wird man mit noch ganz anderen Absonderlichkeiten beglückt. Liebesspiele im Wasserbad und kleine Aufmerksamkeiten, die man in den 70ern gern der Frau geschenkt hat.
Die Uschi (begrabbelt vom übernatürlichen Bett)
Der Film hat es sicherlich nicht leicht, weil durch die Sexszenen doch viel Tempo aus der ohnehin schon mageren Handlung genommen wird. Trotzdem wirkt die Umgebung mit dem seltsamen Onkel hinreichend obskur, damit man einigermaßen fasziniert von den absurden Einfällen des Regisseurs Ronald Víctor García ist. Der Name passt im Übrigen zum Film wie die Faust aufs Auge. Es bedarf also ein wenig Ausdauer und Durchhaltevermögen, um diesen Heuler schadlos zu überstehen. Wer das schafft, wird allerdings mit netten Einfällen, Uschi und einer unmöglich vorhersehbaren Wendung belohnt. Apropos Uschi, die hat dann noch eine ganz bizarre Szene, in der sie vom sich im Kreis drehenden Bett am Busen begrabbelt wird.
Zur Ausstattung:
Die Bildqualität des Films ist ausgezeichnet. Knackige Farben und eine angenehme Schärfe schmücken das Bild neben vereinzelten Verschmutzungen, die allerdings im Gegensatz zu anderen Grindhousefilmen dieses Mal sehr selten vorkommen. Hier wurde mal wieder herausragende Arbeit vom Restauratorenteam geleistet. Auch der Ton ist sehr klar, kaum Rauschen und nur in ganz wenigen Szenen knistert es ein wenig. Aber bei 40 Jahren, die so eine Gurke auf dem Buckel hat, wäre es nicht verwunderlich. Die grandiose Musik, mit teilweise exzessivem Hammondorgeleinsatz, kann also genossen werden.
Das größte Schmankerl wird für die meisten sicherlich der Audiokommentar von Pelle Felsch und Christian Kessler sein. Rotation im AK ist grundsätzlich zu befürworten und hier haben sich zwei Schnacker gefunden, die zum Ende hin zu absoluter Höchstform auflaufen! Neben vielen, vielen Informationen zu Darstellern darf natürlich die bekannte Situationskomik nicht fehlen und so werden die Lachmuskeln ein ums andere Mal bemüht.
Die Meute
Der streckenweise ermüdend wirkende Film wird so noch einmal um ein Vielfaches aufgewertet und lädt damit zu einer erneuten Sichtung ein. Auch beim Booklet gibt es einen neuen Schreiber, Caspar Lein, der unter dem Motto "Boobs from outer space" den Werdegang der eingangs erwähnten Uschi Digard nachzeichnet, eindrucksvoll bebildert und mit der nötigen Zotendichte. Optisch ist das Cover wunderbar und die Lady konnten wir ja schon auf dem Schuber vor über einem Jahr bewundern. Hier wurde einmal mehr beste Arbeit geleistet!
Die US-Fassung ist dann noch einmal ganze 12 Minuten länger und gibt dem Film eine gänzlich andere Note. Während man in der deutschen Fassung durch Kommentare aus der Off versucht hat, die gezeigte grafische Nudität zu verharmlosen bzw. an den Pranger zu stellen, lässt man das in der Amifassung natürlich sein. Auch die komplette Botschaft des Films wird so grundsätzlich verändert, sodass man "The Toy Box" durch die mahnenden Kommentare als waschechte Konsumkritik und Aufruf zur Suffizient bezeichnen könnte. Aber wie wir alle wissen, ist das natürlich gnadenlos an den Haaren herbeigezogen, denn bei einem derart sensationell inszenierten Film will man dem Zuschauer nur Sex, Gewalt und Horror bieten. Trotzdem lassen sich dadurch natürlich kulturhistorisch interessante Unterschiede herausstellen, wenn man das denn mag.
"The Toy Box" ist jedenfalls keine Sternstunde der Kinokunst und man ist gut beraten, wenn man ihn in keinster Weise ernst nimmt. Wer allerdings einen Hang zu alten, angestaubten Graupen hat, der wird bestens unterhalten und durch die wertige Aufmachung sowohl in Sammlerleidenschaft als auch im Hinblick auf den filmhistorischen Hintergrund befriedigt.
Wem "Curse Of The Crimson Altar" (1968) zu zahm war, "A Scream In the Streets" (1973) was abgewinnen konnte und Freude an ständiger Ambiguität zwischen Realität und Fiktion hat, dem sei er hiermit empfohlen!
Eine gelungene Veröffentlichung! Fans der Serie greifen zu, der Rest spielt Probe. ;)
Das Ende

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